Sono

(2020)

Eine schlaflose Nacht, zwei Stimmen im Kopf. Von Corona-Alpträumen geplagt versucht die körperlose Erzählerin aus dem Off ihre Angstzustände mit ASMR zu betäuben. Als Paketzulieferinnen getarnt erschleichen sich die personifizierten Trigger Zugang zum Unterbewusstsein, um sich leise singend und Hände reibend in den Untiefen der Psyche breitzumachen. Unberührt diagnostizieren sie ihrem Wirt depressive Verstimmung und erdrückende Einsamkeit, gegen die sie die Zubereitung alkoholhaltiger Longdrinks empfehlen. Verführerisch säuselnd rezitieren sie die Zutatenliste – gewürzt mit pikanten Zahlen zum Lockdown und abgeschmeckt mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu ASMR mit einem Hauch von manipulativem Marketingjargon und einer Prise Jinglemelodie. Die Invasorinnen hüllen die bittere Pille des Social Distancing in die mantraartige Monotonie einer eingeübten Choreographie – Anweisungen zum Hygieneverhalten werden bis zum Einschläfern eingeimpft. Doch tritt die sehnlichst erwartete Nachtruhe nicht ein. Die Geräusche, Gesänge und Klänge dringen über die Muschel in die Windungen des Gehörganges ein und erreichen die Schnecke, die mit Schalotten, Knoblauch und frischer Pertersilie zubereitet auf der Zunge zergeht. Von dort aus gelangen sie zum Nervenkostüm, das blank liegend lediglich mit Latex bekleidet ist. Im Scheinwerferlicht der Bühne spiegelt sich auf der schimmernden Oberfläche des Lacks die Nähe aus der Entfernung: Statt Berührungen auf der Haut, anrührende Cocktails im Netz; statt Begegnungen in der Realität, zwei Stimmen im Kopf.

In einer experimentellen Recherche werden die Mechanismen von ASMR (Autonomous Sensory Meridian Response) mit den aktuellen Auswirkungen der zwischenmenschlichen Beschränkungen auf den alltäglichen Umgang verknüpft und zu einem Geflecht aus Stimmen, Operngesängen, Geräuschen und Tönen verdichtet. Das Spannungsfeld aus Intimität und Anonymität, Eindringlichkeit und Entspanntheit, Nähe und Distanz, Körperlichkeit und Virtualität kennzeichnet sowohl den Trend von ASMR als auch den Lebensalltag während der Pandemie. Um die gesellschaftliche Isolation zu überwinden, wird der Bildschirm zur Projektionsfläche für die individuelle Stimmungslage. Der Drang nach Zuwendung und Zärtlichkeit macht dabei für digitale Annäherungen empfänglich. Über visuelle und akustische Reize werden Bedürfnisse gestillt, die über die Evolution hinweg im Menschen angelegt sind.

Performerinnen: Lisa Eisenreich & Alina König Rannenberg
Konzept & Inszenierung: Anna Steward