Virgo Maris

Videoprojektion (2019)
16:9, 00:05:03
Blauer Salon, Tiergarten Nürnberg; Ausstellung „Rrooooaaar!“

Virgo Maris
Virgo Maris
Video Still

Eine Meerjungfrau dreht ihre Runden im Delphinarium.

Von der Vision Humboldts, eine vollständige wissenschaftliche Beschreibung der Welt zu erstellen, scheinen wir im Humboldt-Jahr 2019 nicht mehr weit entfernt. Nicht mehr lange, so scheint, dann wird jedes Wirbeltier fotografiert, jede Spore katalogisiert, jede Alge analysiert, jeder Schmetterlingsflügel vermessen sein. Kein Berggipfel, kein Atoll, keine Wüste unbeschritten – die Spezies Homo sapiens sapiens, von der derzeit ca. 7,6 Milliarden auf der Erde leben, war überall. Dominium terrae.

Das Sammeln und Verwalten von Informationen hat das Sammeln von Pflanzen abgelöst.

Statt Herbarien haben wir Clouds. Wir leben in einer Wissensgesellschaft. Wissen als wichtigste Ressource des post-industriellen Zeitalters. Ungeheure Informationsströme, immer größere Datenmengen müssen verarbeitet werden. Informationen suggerieren Beherrschbarkeit: Dinge zu zählen gibt Sicherheit, Nomenklatur als göttlicher Schöpfungsakt. Das menschliche Säugetier hat sich von den anderen Tieren abgesondert.

Was ist der Mensch? – Bei der Entdeckung der Welt geht es letztlich um die Entdeckung unseres Menschseins. Auf der Suche nach einem Augenpaar, das uns unsere Existenz spiegelt und doch voller Unbehagen, wenn wir auf ein solches treffen.

Wissen ist keine Erlösung. Aber Nicht-Wissen auch nicht.

Tatsächlich wissen wir erstaunlich wenig über die anderen Lebewesen, mit denen wir seit 300 000 Jahren den Planeten teilen. Und unzählige Arten, davon viele noch unentdeckt, stehen heute vor dem Aussterben. Angekommen im Anthropozän wird klar, dass unsere anthropozentrische Weltsicht ein Gegenüber braucht. – Die Meerjungfrau dreht ihre Runden im Delphinarium.